Die Angst vor der grossen Coolness

 

Marianne Pletscher
Marianne Pletscher, MAZ-Dozentin und Dokumentarfilmerin, Zürich

Was heisst bloss «hemstick» auf Deutsch… interessiert mich das überhaupt? Ich hatte 1970 gerade angefangen als Tagesschau-Redaktorin, knapp 24, frisch ab der Dolmetscherschule (Journalistenschulen gab‘s damals noch keine), begierig, meine Polit- und Sprachkenntnisse anzuwenden. Und dann sollte ich mich mit Holsäumen und ähnlich Uninteressantem auseinandersetzen!

Ich war die erste Frau in dieser Männerbastion und das wurde ausgenützt: Anstatt mich mit hoher Politik zu beauftragen legte Mann mir Mode-Agenturfilme aus Paris und London aufs Pult, die ich bearbeiten sollte. Das mir, die ich keine Ahnung von Mode hatte… Es blieb mir nur übrig, mich in die Materie einzuarbeiten. Weiterlesen

Sozialpolitischer Highnoon im Bahnhofbuffet

Dominique Strebel, ab Oktober 2012 Co-Leiter DAJ am MAZ

„Üelu“, rief der Obdachlose Housi. Er krächzte es laut durchs ganze Berner Bahnhofbuffet, und etwa 50 Leute drehten den Kopf zu mir und meinem Begleiter. „Üelu, mir rede grad über di Obdachlose“, sagte Housi in diesem typisch rauchig offenen Ton, der von wenig Schlaf, viel Alkohol und Zigaretten zeugt.

Ich, 20 Jahre alt, voller Ideale und Hoffnungen, stand mit meinem kleinen Mikrofon neben dem Mann in zerrissenen Kleidern, der immer leicht wippte. Unterwegs mit Housi in der Nacht. Für eine Radio-Reportage über Obdachlosigkeit im Kulturprogramm des damaligen Radio Förderband.

Da drehte sich Üelu um, schaute mich lange an, rief schliesslich: „Was wosch Du vo üs wüsse?“ 50 Köpfe wandten sich in seine Richtung. „Du wosch ja nume cho sugge. Du verdiensch dis Gäut mit däm, wo mir säge!“ Stille. Weiterlesen

Ich spürte seinen Hass. Ich habe ihn Mund zu Nase beatmet.

Rolf Wespe

Rolf Wespe

«Ich habe einen Blackout», sagte Rechtsanwalt R. unvermittelt, brach sein Plädoyer ab und sackte vornüber auf das Pult. Die Gerichtsverhandlung im Rathaus Schwyz endete abrupt. Ein Gerichtsdiener rannte ans Telefon und rief die Ambulanz.
10 Minuten vorher hatte R. als Anwalt der Seilbahnfirma Garaventa sein Plädoyer auf ungewöhnliche Weise begonnen. Er sprach nicht vom Seilbahnunglück in Squaw Valley (USA), sondern er attackierte den einzigen anwesenden Pressevertreter im Gerichtssaal, nämlich mich. Ich hatte von der Verhandlung erfahren und wollte einen exklusiven Artikel für den Tages-Anzeiger schreiben. R. begrüsste mich spöttisch als «Vertreter der internationalen Presse». Er warf mir vor, ich hätte ihn vor Jahren in einem Kommentar zum Waffenplatz Rothenthurm zu Unrecht kritisiert. Weiterlesen