Ich spürte seinen Hass. Ich habe ihn Mund zu Nase beatmet.

Rolf Wespe

Rolf Wespe

«Ich habe einen Blackout», sagte Rechtsanwalt R. unvermittelt, brach sein Plädoyer ab und sackte vornüber auf das Pult. Die Gerichtsverhandlung im Rathaus Schwyz endete abrupt. Ein Gerichtsdiener rannte ans Telefon und rief die Ambulanz.
10 Minuten vorher hatte R. als Anwalt der Seilbahnfirma Garaventa sein Plädoyer auf ungewöhnliche Weise begonnen. Er sprach nicht vom Seilbahnunglück in Squaw Valley (USA), sondern er attackierte den einzigen anwesenden Pressevertreter im Gerichtssaal, nämlich mich. Ich hatte von der Verhandlung erfahren und wollte einen exklusiven Artikel für den Tages-Anzeiger schreiben. R. begrüsste mich spöttisch als «Vertreter der internationalen Presse». Er warf mir vor, ich hätte ihn vor Jahren in einem Kommentar zum Waffenplatz Rothenthurm zu Unrecht kritisiert.
Zwei Richter hoben R. vom Pult und legten ihn auf den Boden. Ich vergass meinen Primeur. Jetzt ging es um das Leben des 47-Jährigen. Ohnmächtige müssen richtig gelagert werden, sonst können sie ersticken. Das hatte ich im Samariterkurs gelernt. Ich beugte mich über R., kontrollierte, ob der Kopf richtig lag und stellte fest: R. atmet nicht mehr. Ich kniete neben ihn, hielt seinen Kopf mit beiden Händen und blies ihm meinen Atem in seine Nase. Immer wieder, unendlich lange. Man empfiehlt, ein Nastuch zwischen Lippen und  Nase zu legen. Ich hatte keines. Mein Sauerstoff konnte ihn nicht ins Leben zurückholen. Plötzlich, ein Lebenszeichen, ein dumpfes, knarrendes Schnarchen. Ich kann es heute – 28 Jahre später – immer noch hören.
Endlich kamen die Rettungssanitäter.
Ich blieb zurück. Und musste eine absurde Situation verarbeiten. R. konnte mich nicht ausstehen. Der ehemalige Gemeindepräsident von Schwyz war ein vehementer Befürworter des Waffenplatzes Rothenthurm, und ich hatte kritisch über das Vorhaben geschrieben. Ich stelle mir vor, er wäre zu sich gekommen und hätte mein Gesicht dicht über seinem gesehen. R. ist nie mehr aufgewacht, er starb einige Monate später.
Die Konfrontation mit dem Tod hatte mir die Sprache verschlagen. Es war mir damals nicht möglich, einen Artikel zu schreiben. Erst jetzt – 28 Jahre danach – bringe ich die Geschichte zu Papier. R. hatte vermutlich einen Herzstillstand, wie mir ein Arzt später erklärte. Richtig wäre folglich eine Herzmassage gewesen. Die beherrschte ich damals nicht.Als Journalist man muss immer auf Überraschungen gefasst sein und blitzschnell umstellen können. Ich glaube, in Schwyz habe ich das geschafft. Obwohl ich an jenem Tag weder als Journalist noch als Lebensretter erfolgreich war.

Rolf Wespe, Studienleiter MAZ

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