Sozialpolitischer Highnoon im Bahnhofbuffet

Dominique Strebel, ab Oktober 2012 Co-Leiter DAJ am MAZ

„Üelu“, rief der Obdachlose Housi. Er krächzte es laut durchs ganze Berner Bahnhofbuffet, und etwa 50 Leute drehten den Kopf zu mir und meinem Begleiter. „Üelu, mir rede grad über di Obdachlose“, sagte Housi in diesem typisch rauchig offenen Ton, der von wenig Schlaf, viel Alkohol und Zigaretten zeugt.

Ich, 20 Jahre alt, voller Ideale und Hoffnungen, stand mit meinem kleinen Mikrofon neben dem Mann in zerrissenen Kleidern, der immer leicht wippte. Unterwegs mit Housi in der Nacht. Für eine Radio-Reportage über Obdachlosigkeit im Kulturprogramm des damaligen Radio Förderband.

Da drehte sich Üelu um, schaute mich lange an, rief schliesslich: „Was wosch Du vo üs wüsse?“ 50 Köpfe wandten sich in seine Richtung. „Du wosch ja nume cho sugge. Du verdiensch dis Gäut mit däm, wo mir säge!“ Stille.

Stimmt dachte ich. 300 Franken für 30 Stunden Arbeit. Aber doch 300 Franken. Mein Mikrofon lief. Wie bei einem Tennis-Match drehten sich die Köpfe wieder mir zu.

„Ich will dene do obe vo Eui brichte“, verteidigte ich mich. „Brichte wies Eui do unde im Winter goht. Die Riiche mit em Stumpe im Mercedes wüsse nüt vo Eui.“

Üelu fiel mir ins Wort. „Eui? Eui? Eui?“, wiederholte er immer wieder.

„Ja, wies Eui goht.“

Üelu unterbrach mich. „Eui? Eui?“ Stille. „Mir müesse ja Eui säge, wies geit. Das isch doch scho immer so gsi, dass di Riche nume dür di Arme riich si worde.“ Ja, sagte ich, aber den Obdachlose gehe es so schlecht, dass man was machen müsse. „Gang doch dr Gürbe nah und frag d’Fische, wies ne geit“, schrie Üelu zur Antwort. „Ig bi lang Gfängniswärter uf em Thorberg gsi. Meinsch, mir wärs i Sinn cho, di Gfangne i dr Zälle gaht zfrage, wies ne geit?“

„Was muess me de mache für die Obdachlose?“, fragte ich und erlebte erstmals die Kraft einer Frage, die von innen kommt.

„Dir bringets ja nid zschtand“, hob Üelu an, aber alle im Saal merkten, wie er nachdachte. „We de vo hüt aa bis a Wiehnachte 10 Obdachlose es Bett organisiersch, de redi mit Dir.“

Er setzte mir eine Frist von zwei Wochen. „Ich organisiere Dir ein Gespräch mit dem Fürsorgedirektor der Stadt Bern“, versprach ich.

Das Gespräch fand vier Tage später statt. In einem Säli im Restaurant Monbijou. Der Techniker war da, der Fürsorgedirektor war da. Nur Üelu nicht.

Er kam nach einer halben Stunde, setzte sich, sprach mit dem Fürsorgedirektor übers Militär und wie es da auch manchmal ungemütlich gewesen sei. Wie man aber auf die Zähne gebissen habe. Nein, nein, er wolle nichts. Nein, keine Sozialhilfe. Er komme schon durch und verschwand.

Geblieben ist Üelus Stimme. „Eui? Eui? Eui?“, tönt es noch heute manchmal in meinem Kopf. „Mir müesse ja Eui hälfe.“

Dominique Strebel
Ab Oktober 2012 Co-Studienleiter der Diplomausbildung Journalismus am MAZ

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