Die Angst vor der grossen Coolness

 

Marianne Pletscher
Marianne Pletscher, MAZ-Dozentin und Dokumentarfilmerin, Zürich

Was heisst bloss «hemstick» auf Deutsch… interessiert mich das überhaupt? Ich hatte 1970 gerade angefangen als Tagesschau-Redaktorin, knapp 24, frisch ab der Dolmetscherschule (Journalistenschulen gab‘s damals noch keine), begierig, meine Polit- und Sprachkenntnisse anzuwenden. Und dann sollte ich mich mit Holsäumen und ähnlich Uninteressantem auseinandersetzen!

Ich war die erste Frau in dieser Männerbastion und das wurde ausgenützt: Anstatt mich mit hoher Politik zu beauftragen legte Mann mir Mode-Agenturfilme aus Paris und London aufs Pult, die ich bearbeiten sollte. Das mir, die ich keine Ahnung von Mode hatte… Es blieb mir nur übrig, mich in die Materie einzuarbeiten.

Nach drei Monaten hatte ich die Nase voll. Ich stürmte ins Büro meines Chefs, des legendären Moderators Noldi Isler, schmiss ihm einen besonders langweiligen Modefilm aufs Pult und sagte: «Wenn ich nicht endlich sinnvolle Arbeit bekomme, kündige ich». Noldi war sehr verblüfft und versprach Abhilfe.

Eine knappe Woche und drei Modefilme später rief mich Noldi zu sich. Eine Swissair-Maschine war bei Würenlingen abgestürzt, keine Überlebenden, Verdacht auf eine Bombe (der sich später bestätigte). Keiner der erfahrenen Tagesschau-Reporter hatte Dienst. Noldi sagte nur knapp: «Traust du dir das zu?», wartete nicht auf die Antwort und schickte mich mit einem Kameramann los. Wir filmten entsetzliche Szenen: Ein Trümmerfeld, desorientiert umherirrende Feuerwehrleute, überall lagen Leichenteile herum, Kleiderfetzen hingen in den Bäumen. Wir drehten erste Interviews und rasten zurück ins Studio.

Der Film wurde im Labor in Windeseile entwickelt (Video gab‘s damals noch nicht), geschnitten, ich machte vier Sprachversionen und jagte alles rechtzeitig über den News-Exchange. Zeit zum wirklich nachdenken hatte ich keine, niemand beriet mich, wieweit ich gehen konnte mit dem Zeigen der schrecklichen Bilder. Ich kann mich an das letzte Bild erinnern: eine Menschenhand neben einem Flugzeug-Trümmerteil. Als ich es bei der letzten, italienischen Version sah, die ich in den Exchange stellte, rannte ich los, ich musste mich übergeben. Die Kollegen lobten mich über alles und sagten mir eine grosse Zukunft als Reporterin voraus, und ich, ich war entsetzt ob meiner eigenen Coolness. Ich stellte mir vor, was für eine schrecklich zynische Kriegsreporterin ich werden könnte und liess mich gleich versetzen – in die Lokalredaktion. Keiner verstand mich. Etwas später kündigte ich und hängte noch ein Studium an, bevor ich später wieder zum Fernsehen zurückging.

Später, als Rundschaureporterin und Dokumentarfilmerin in verschiedenen Bürgerkriegen hat mir diese Coolness sehr geholfen. Aber sie war gepaart mit Erfahrung und Reife. Ich glaube, meine Angst vor mir selbst hat mich vor Vielem gerettet. Ein Teil meiner Bilder von damals ist heute auf dem Videoportal von SRF zu sehen, die Leichenteile wurden herausgeschnitten. Einen Modefilm habe ich nie mehr bearbeiten müssen. Die Tagesschau ist professioneller und weiblicher geworden.

Marianne Pletscher, MAZ-Dozentin und Dokumentarfilmerin, Zürich

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