Wie ich beim Augenschein auf die Frau kam

Frank Baumann, Werbefachmann, Radio- und Fernsehmoderator, Satiriker und Fernsehproduzent.

Das war im Februar 1979. Der Zürcher Fluchthelfer Hans Lenzlinger wurde in seinem Haus an der Ackersteinstrasse 116 in Zürich von Unbekannten hingerichtet. Mit fünf Schüssen. Da es keine Fotos gab und  ich damals nicht nur als Journalist, sondern auch als Gerichtszeichner unterwegs war, fiel mir die ehrenwerte Aufgabe zu, für den Blick Lenzlingers Leichnam zu zeichnen. Während ich fleissig mit dem Stift am Stillleben kritzelte, konnte ich natürlich nicht ahnen, dass ich eines Tages Lenzlingers Nichte kennenlernen würde. Und erst recht nicht, dass ich diese Gabriella, die junge Frau also, die als Mädchen an besagter Ackersteinestrasse ein und aus und mit der zahmen Gepardin spazieren ging, heiraten würde. Weiterlesen

Das Kuvert mit dem 100-Mark-Schein

Bernd Merkel, Studienleiter Diplomausbildung Journalismus am MAZ

Es war die erste Jahresbilanz, zu der ich geschickt wurde. Geladen hatte der Haus- und Grundbesitzerverein einer 12 000-Einwohner-Stadt vor den Toren Stuttgarts. Die Konferenz fand im Festsaal des Hotels Krone statt, eines der besseren Häuser: Kronleuchter, Edelholz, und ein Teppichboden, in dem man versank.

Den Smalltalk vor Beginn mied ich, denn von Bilanzen und Immobilien hatte ich keinen Schimmer. Wie auch, als frischgebackener Volontär, der eben erst sein Studium abgeschlossen hatte (nicht in Wirtschaftswissenschaften!) und nun für die «Leonberger Kreiszeitung» unterwegs war. Um an einem Tag übers Boxen, und am nächsten über Bilanzen zu schreiben. Weiterlesen

Journalistenweisheit

Ruedi Küng, InfoAfrica.ch, ehem. Afrikakorrespondent von Schweizer Radio und gelegentlicher MAZ-Dozent

1996 hatte ich zum ersten Mal von ihm gehört, das Neue Südafrika war gerade Mal zwei Jahre alt. Oom Jan nannten sie ihn – Oom heisst in Afrikaans wörtlich Onkel, ist aber vielmehr die respektvolle Anrede für einen alten Mann. Der Afrikaander Jan, so erzählten Gäste an einer Stehparty in Johannesburg, habe als junger – weisser – Mann in den finsteren Zeiten der Apartheid Südafrikas eine schwarze Frau geliebt und sich auch nicht von seiner Liebe zu ihr abbringen lassen, als ihn seine Familie wegen seiner Liaison verstiess und enterbte. Liebe, Sex und Ehen zwischen Weissen und Schwarzen verboten damals scharfe Rassengesetze. Ich wollte mehr über diesen Menschen erfahren, der gegen den Strom seiner Zeit schwamm und menschlich blieb, als sich die Unmenschlichkeit um ihn herum breit machte. Doch die Leute wussten nur wenig über ihn. Weiterlesen