Journalistenweisheit

Ruedi Küng, InfoAfrica.ch, ehem. Afrikakorrespondent von Schweizer Radio und gelegentlicher MAZ-Dozent

1996 hatte ich zum ersten Mal von ihm gehört, das Neue Südafrika war gerade Mal zwei Jahre alt. Oom Jan nannten sie ihn – Oom heisst in Afrikaans wörtlich Onkel, ist aber vielmehr die respektvolle Anrede für einen alten Mann. Der Afrikaander Jan, so erzählten Gäste an einer Stehparty in Johannesburg, habe als junger – weisser – Mann in den finsteren Zeiten der Apartheid Südafrikas eine schwarze Frau geliebt und sich auch nicht von seiner Liebe zu ihr abbringen lassen, als ihn seine Familie wegen seiner Liaison verstiess und enterbte. Liebe, Sex und Ehen zwischen Weissen und Schwarzen verboten damals scharfe Rassengesetze. Ich wollte mehr über diesen Menschen erfahren, der gegen den Strom seiner Zeit schwamm und menschlich blieb, als sich die Unmenschlichkeit um ihn herum breit machte. Doch die Leute wussten nur wenig über ihn. Dass er mittlerweile betagt sei, im Nachbarland Botswana lebe und von Zeit zu Zeit nach Südafrika fahre, um seine Altersrente abzuholen. Wo er dies tat, konnten sie nicht sagen. 13 Übergänge gibt es an der 1’500 Kilometer langen Grenze beider Länder. Ich begann im Osten. Erfolglos, wie sich nach tagelangen Autofahrten zeigte. Ich musste meine Suche fürs Erste aufgeben.

Erst ein Jahr später konnte ich die Suche nach dem alten Mann wieder aufnehmen. Diesmal im Westen, wo die trockene Hitze der Kalahari-Wüste zu spüren ist. Tsabong heisst der Ort, wo ich ihn fand, oder genauer, wo ich seine Kinder fand, die alle selbst schon wieder Kinder haben. Oom Jan war nicht da, er war wieder einmal wegen seiner Rente nach Südafrika gefahren. Mehrere Tage lang wartete ich im heissen Wüstenkaff. Der alte Mann kehrte nicht zurück. Seine Kinder waren schon beunruhigt, es könnte ihm etwas zugestossen sein. Ich musste wieder abreisen.

Ein weiteres halbes Jahr verging, bis ich endlich wieder nach Tsabong fahren konnte. Und diesmal war er da, konnte ich seine kräftige Hand drücken, die sich wie Sandpapier anfühlte, ein magischer Moment. Er war die Freundlichkeit in Person, aber von seinen 80 Lebensjahren, die von harter körperlicher Arbeit ausgefüllt waren, gezeichnet. Er, der ausser der Bibel kein Buch gelesen hatte, wie er sagte, nahm meine ungestümen Fragen geduldig auf. Was trieb ihn an, sich gegen die Apartheid zu stemmen? Woher nahm er die Kraft, zu seiner – schwarzen – Frau zu halten? In  stundenlangen Zusammenkünften an mehreren Abenden, wenn die Hitze etwas gewichen war, bemühte er sich in immer neuen Anläufen, darauf zu antworten. Ich zeichnete alles auf, auch seine Schilderungen, wie es damals auf der abgelegenen Familienfarm zu und her ging und wie er dann, als er weggehen musste, mit Schwerarbeit seinen kargen Lebensunterhalt verdiente.

Zurück in der Schweiz verarbeitete ich das Material zu einer stündigen Radiosendung: Liebe in Zeiten des Hasses. Und machte in einem weiteren magic moment die Erkenntnis meines Journalistenlebens. Nämlich, dass es unmöglich, ja verwegen ist, ein 80jähriges Leben wie das von Oom Jan in ein paar Stunden und mit einem Dutzend Fragen verstehen, enträtseln und entschlüsseln zu wollen.

PS: Wäre ich versucht gewesen, mit weiteren Stunden von Fragen und Antworten doch noch hinter das Geheimnis des Lebens von Oom Jan kommen zu wollen, hätte mich die Natur vor dem Irrtum bewahrt. Er ist kurze Zeit nach meinem Besuch gestorben.

Ruedi Küng, InfoAfrica.ch, ehem. Afrikakorrespondent von Schweizer Radio und gelegentlicher MAZ-Dozent

 

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