Das Kuvert mit dem 100-Mark-Schein

Bernd Merkel, Studienleiter Diplomausbildung Journalismus am MAZ

Es war die erste Jahresbilanz, zu der ich geschickt wurde. Geladen hatte der Haus- und Grundbesitzerverein einer 12 000-Einwohner-Stadt vor den Toren Stuttgarts. Die Konferenz fand im Festsaal des Hotels Krone statt, eines der besseren Häuser: Kronleuchter, Edelholz, und ein Teppichboden, in dem man versank.

Den Smalltalk vor Beginn mied ich, denn von Bilanzen und Immobilien hatte ich keinen Schimmer. Wie auch, als frischgebackener Volontär, der eben erst sein Studium abgeschlossen hatte (nicht in Wirtschaftswissenschaften!) und nun für die «Leonberger Kreiszeitung» unterwegs war. Um an einem Tag übers Boxen, und am nächsten über Bilanzen zu schreiben.

Ein freundlicherer, älterer Herr trat auf mich zu und stellte sich vor als «Kassier des Vereins und zuständig für die Presse». Er überreichte mir eine Mappe mit Unterlagen. Die Konferenz begann.

Als ich durch die Statistiken blätterte, fiel mir ein weisses Kuvert auf: nicht beschriftet, aber zugeklebt. Ich öffnete es behutsam. Darin steckte ein 100-Mark-Schein.

Verdammt! Mir klopfte das Herz bis zum Hals. Was zu den Bilanzen ausgeführt wurde, rauschte an mir vorbei. Meine Gedanken kreisten nur noch darum: Wie komme ich aus diesem Dilemma?

Als die Konferenz zu Ende war, steuerte ich auf den Kassier zu und drückte ihm das Kuvert in die Hände. «Ich kann das nicht annehmen. Es ist mein Job, über den Anlass zu berichten.» «Aber Sie haben sich den Abend um die Ohren geschlagen, hätten vielleicht was Besseres vorgehabt! Sehen Sie‘s als kleine Anerkennung!» Der Mann rang nach Fassung; er war tief verletzt und den Tränen nah. Er machte den Job ehrenamtlich, und ich bin überzeugt: Ihm war zu keiner Zeit bewusst, dass er mich mit dem Geld «kaufen» könnte.

Nein zu sagen, die Stimmung zu versauen: das war kein heroischer Akt, sondern eine Selbstverständlichkeit. Aber es hatte mich damals enorm Überwindung gekostet. Ich war jung und unerfahren im Job, zudem voller Respekt vor den «Experten». Und, offen gesagt, auch geschmeichelt, als junger Journalist jetzt Zugang zu dieser Welt zu haben. Nun war ich der Spielverderber des Abends.

Gleichwohl war mir damals auf einen Schlag bewusst geworden: Wenn du jetzt nicht «nein» sagst, dann hast du einen beschissenen Start in den Beruf. Mehr noch: Eigentlich kannst du gleich wieder aufhören.

Seitdem sind viele Jahre vergangen. Aber nach wie vor wird versucht, Journalisten willfährig zu machen. Wir erleben derzeit dreiste Beispiele: 500 Franken im Kuvert für die zum PR-Termin geladenen Journalisten. Das ist beschämend für den Journalismus. Offenbar hält man den Berufsstand mittlerweile für derart abgehalftert, dass man glaubt, Medienschaffende mit 500 Franken über den Tisch ziehen zu können.

Bernd Merkel, Studienleiter Diplomausbildung Journalismus am MAZ

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.