Ein interkultureller Termin – Oder: Von fixen Interviewideen

Claudio Zemp

Claudio Zemp, MAZ-Absolvent; MAZ-DEZA-Stagiaire

Mein dreimonatiger Stage in Mali war fast vorbei. Ich hatte mit Hilfe des MAZ und der DEZA Ende 2002 auf der Redaktion der Regierungszeitung «l‘Essor» in Bamako gearbeitet, dabei wundersame Überraschungen des westafrikanischen Arbeitsalltags erlebt und viel gelernt: Wer kann wann die einzige Telefonleitung auf der Redaktion benutzen? Wie schreibe ich Artikel von Hand? Wozu darf ein Praktikant ein Firmenfahrzeug buchen? Und an welchen Festtagen wimmelt es im ganzen Millionendorf von Schafherden?

Ich hatte einiges publiziert, wurde sogar «en mission» in den Süden des Landes geschickt, nur ein Ziel meines Aufenthalts blieb unerreicht. Ich lebte damals zwar grundsätzlich recht zielfrei, aber ich wollte unbedingt ein Interview mit Aminata Traoré. Weiterlesen

Magisch: Weggeblasene Unentschiedenheit – anhaltende Begeisterung

Eigentlich war gar nicht viel los an diesem Tag. Der Schulleiter begrüßte uns und ging den Stundenplan durch. «Nachrichten schreiben» stand da, «Interview führen» oder «Der Kommentar». Was halt so unterrichtet wird an einer Journalistenschule.

Doch für mich war der erste Tag an der DJS in München eine Offenbarung. Ein paar Semester hatte ich lustlos herumstudiert, Politik, Germanistik – mit der deprimierenden Aussicht, Lehrer zu werden. Dann sah ich in der Zeitung eine Ausschreibung für die renommierteste Journalistenschule in Deutschland. Ich probierte es – und schaffte die Aufnahmeprüfung. Wahnsinn! Die Unentschiedenheit, die viele junge Menschen Anfang 20 spüren, war wie weggeblasen. Weiterlesen

Hannes Britschgi: Wie wir 9/11 bei FACTS managten

Hannes Britschgi, Ringier-Publizist und MAZ-Dozent

Mein Schlüssel-Moment? Ganz klar, 9/11. Ich war damals Chefredaktor des Schweizer Nachrichtenmagazins FACTS. Es passierte an einem Dienstagnachmittag. Es war irgendwie surreal. Ein Flieger rast in einen der Twin-Towers. Alle standen vorm dem Bildschirm und schauten CNN. Ein Unfall? Wie konnte das passieren? Plötzlich ein zweites Flugzeug mit Kurs auf die Zwillingstürme. Flammeninferno auch im zweiten Turm und damit die Gewissheit: Das sind Terrorattacken! Wir sassen sofort zusammen, verteilten die ersten Aufgaben bis zur grossen Konferenz um 18 Uhr. Es war unser Abschlusstag.  Dann die Attacke auf das Pentagon!

Das Heft für Donnerstag war zu einem guten Teil schon produziert und gedruckt. Ich wolle wissen, wie viele Seiten noch nicht im Druck sind. Weiterlesen

Sozialpolitischer Highnoon im Bahnhofbuffet

Dominique Strebel, ab Oktober 2012 Co-Leiter DAJ am MAZ

„Üelu“, rief der Obdachlose Housi. Er krächzte es laut durchs ganze Berner Bahnhofbuffet, und etwa 50 Leute drehten den Kopf zu mir und meinem Begleiter. „Üelu, mir rede grad über di Obdachlose“, sagte Housi in diesem typisch rauchig offenen Ton, der von wenig Schlaf, viel Alkohol und Zigaretten zeugt.

Ich, 20 Jahre alt, voller Ideale und Hoffnungen, stand mit meinem kleinen Mikrofon neben dem Mann in zerrissenen Kleidern, der immer leicht wippte. Unterwegs mit Housi in der Nacht. Für eine Radio-Reportage über Obdachlosigkeit im Kulturprogramm des damaligen Radio Förderband.

Da drehte sich Üelu um, schaute mich lange an, rief schliesslich: „Was wosch Du vo üs wüsse?“ 50 Köpfe wandten sich in seine Richtung. „Du wosch ja nume cho sugge. Du verdiensch dis Gäut mit däm, wo mir säge!“ Stille. Weiterlesen