Toni Widmer – Wie ich Journalist geworden bin

Toni Widmer, Reporter Aargauer Zeitung

Mit Fünfzehn wollte ich Bauer werden. Oder Landmaschinenmechaniker. Das passte dem Berufsberater gar nicht. Als Nicht-Bauernsohn hätte ich in der Landwirtschaft keine Zukunft und das Handwerk hätte auf meine linken Hände auch nicht gewartet. Er unterstützte meine Eltern, die den schulfaulen Sohn erst in ein Institut und später an die Uni schicken wollten.

Ich drohte mit Abhauen und durfte Schriftsetzer werden. Ein vom Berufsberater vorgeschlagener Kompromiss zwischen handwerklicher und akademischer Laufbahn. Weiterlesen

Journalisterei mit Knickerbocker und Hund

Florian Inhauser, Moderator/Reporter Tagesschau, SRF Schweizer Radio und Fernsehen

Meine journalistische Erweckung trägt Tolle, Knickerbocker und oft eine blaue Krawatte. An ihrer Seite geht fast ausnahmslos ein kleiner, weisser Hund. Ich war vier und konnte noch nicht lesen. Also war es völlig egal, dass das Album «Tintin et Milou» hiess und nicht «Tim und Struppi». Mir war gesagt worden, dass Tintin bzw. Tim Reporter ist. Der junge Mann erlebt unerhörte Sachen, trifft die unterschiedlichsten Menschen, nicht wenige von ihnen haben unlautere Absichten. Er deckt auf, lernt dazu, setzt sich ein und riskiert immer viel. Und er kommt rum. Reporter bereisen die ganze Welt. Und haben offenbar immer einen cleveren Hund an ihrer Seite.

Die Journalisterei  à la Tintin ist eine romantische Sache mit einem garantiert guten Ende. Ein verlockender Jobbeschrieb für einen Vierjährigen. Für einen Vierundvierzigjährigen auch. Später – der Lektüre mächtig – habe ich dann gemerkt, dass Tim in seinen 24 Abenteuern insgesamt bloss 1,5 Artikel schreibt. Für meine journalistische Erweckung hat’s gereicht. Danke Tim und Struppi.

Florian Inhauser, Moderator/Reporter Tagesschau, SRF Schweizer Radio und Fernsehen

Bild: (C) SRF/Oscar Alessio

Wie ich beim Augenschein auf die Frau kam

Frank Baumann, Werbefachmann, Radio- und Fernsehmoderator, Satiriker und Fernsehproduzent.

Das war im Februar 1979. Der Zürcher Fluchthelfer Hans Lenzlinger wurde in seinem Haus an der Ackersteinstrasse 116 in Zürich von Unbekannten hingerichtet. Mit fünf Schüssen. Da es keine Fotos gab und  ich damals nicht nur als Journalist, sondern auch als Gerichtszeichner unterwegs war, fiel mir die ehrenwerte Aufgabe zu, für den Blick Lenzlingers Leichnam zu zeichnen. Während ich fleissig mit dem Stift am Stillleben kritzelte, konnte ich natürlich nicht ahnen, dass ich eines Tages Lenzlingers Nichte kennenlernen würde. Und erst recht nicht, dass ich diese Gabriella, die junge Frau also, die als Mädchen an besagter Ackersteinestrasse ein und aus und mit der zahmen Gepardin spazieren ging, heiraten würde. Weiterlesen

Das Kuvert mit dem 100-Mark-Schein

Bernd Merkel, Studienleiter Diplomausbildung Journalismus am MAZ

Es war die erste Jahresbilanz, zu der ich geschickt wurde. Geladen hatte der Haus- und Grundbesitzerverein einer 12 000-Einwohner-Stadt vor den Toren Stuttgarts. Die Konferenz fand im Festsaal des Hotels Krone statt, eines der besseren Häuser: Kronleuchter, Edelholz, und ein Teppichboden, in dem man versank.

Den Smalltalk vor Beginn mied ich, denn von Bilanzen und Immobilien hatte ich keinen Schimmer. Wie auch, als frischgebackener Volontär, der eben erst sein Studium abgeschlossen hatte (nicht in Wirtschaftswissenschaften!) und nun für die «Leonberger Kreiszeitung» unterwegs war. Um an einem Tag übers Boxen, und am nächsten über Bilanzen zu schreiben. Weiterlesen

Journalistenweisheit

Ruedi Küng, InfoAfrica.ch, ehem. Afrikakorrespondent von Schweizer Radio und gelegentlicher MAZ-Dozent

1996 hatte ich zum ersten Mal von ihm gehört, das Neue Südafrika war gerade Mal zwei Jahre alt. Oom Jan nannten sie ihn – Oom heisst in Afrikaans wörtlich Onkel, ist aber vielmehr die respektvolle Anrede für einen alten Mann. Der Afrikaander Jan, so erzählten Gäste an einer Stehparty in Johannesburg, habe als junger – weisser – Mann in den finsteren Zeiten der Apartheid Südafrikas eine schwarze Frau geliebt und sich auch nicht von seiner Liebe zu ihr abbringen lassen, als ihn seine Familie wegen seiner Liaison verstiess und enterbte. Liebe, Sex und Ehen zwischen Weissen und Schwarzen verboten damals scharfe Rassengesetze. Ich wollte mehr über diesen Menschen erfahren, der gegen den Strom seiner Zeit schwamm und menschlich blieb, als sich die Unmenschlichkeit um ihn herum breit machte. Doch die Leute wussten nur wenig über ihn. Weiterlesen

Die Angst vor der grossen Coolness

 

Marianne Pletscher
Marianne Pletscher, MAZ-Dozentin und Dokumentarfilmerin, Zürich

Was heisst bloss «hemstick» auf Deutsch… interessiert mich das überhaupt? Ich hatte 1970 gerade angefangen als Tagesschau-Redaktorin, knapp 24, frisch ab der Dolmetscherschule (Journalistenschulen gab‘s damals noch keine), begierig, meine Polit- und Sprachkenntnisse anzuwenden. Und dann sollte ich mich mit Holsäumen und ähnlich Uninteressantem auseinandersetzen!

Ich war die erste Frau in dieser Männerbastion und das wurde ausgenützt: Anstatt mich mit hoher Politik zu beauftragen legte Mann mir Mode-Agenturfilme aus Paris und London aufs Pult, die ich bearbeiten sollte. Das mir, die ich keine Ahnung von Mode hatte… Es blieb mir nur übrig, mich in die Materie einzuarbeiten. Weiterlesen

Ich spürte seinen Hass. Ich habe ihn Mund zu Nase beatmet.

Rolf Wespe

Rolf Wespe

«Ich habe einen Blackout», sagte Rechtsanwalt R. unvermittelt, brach sein Plädoyer ab und sackte vornüber auf das Pult. Die Gerichtsverhandlung im Rathaus Schwyz endete abrupt. Ein Gerichtsdiener rannte ans Telefon und rief die Ambulanz.
10 Minuten vorher hatte R. als Anwalt der Seilbahnfirma Garaventa sein Plädoyer auf ungewöhnliche Weise begonnen. Er sprach nicht vom Seilbahnunglück in Squaw Valley (USA), sondern er attackierte den einzigen anwesenden Pressevertreter im Gerichtssaal, nämlich mich. Ich hatte von der Verhandlung erfahren und wollte einen exklusiven Artikel für den Tages-Anzeiger schreiben. R. begrüsste mich spöttisch als «Vertreter der internationalen Presse». Er warf mir vor, ich hätte ihn vor Jahren in einem Kommentar zum Waffenplatz Rothenthurm zu Unrecht kritisiert. Weiterlesen

Klick – Mein Magic Moment im Journalismus

Sylvia Egli von Matt, Direktorin MAZ

Was tue ich eigentlich? Was macht meine Arbeit aus? Bin ich nun eine waschechte Journalistin? Auf solche Fragen habe ich damals keine Antwort. Ich fühle mich (noch) nicht als Journalistin. Stattdessen schreibe ich einfach drauflos, für Zeitungen und Zeitschriften, jeden Tag aufs neue. Bis zu jener Anfrage der Basler Zeitung: «Du bist Innerschweizerin und somit wohl katholisch. Kannst du für uns den Papstbesuch abdecken?» Ich zögere keine Sekunde und sage freudig – und auch stolz – zu. Obwohl ich keine Ahnung habe, was eine Enzyklika ist, geschweige denn, was in den einzelnen steht. Ich bin – ohne Vorrecherche notabene – stattdessen voller Stolz dabei, als Johannes Paul II auf dem Flughafen Lugano landet. Ich bin in Flüeli-Ranft dabei, in Einsiedeln und auch beim Abschied an der Uni Fribourg. Ich bin vor Ort und berichte. Und ich werte auch! Obwohl ich schnell an meine Grenzen stosse. Dass ich die Tage einigermassen anständig «überlebe», verdanke ich den beiden Kollegen bgt und hm vom Tages-Anzeiger, die mit Geduld und Fachwissen meine Texte auf inhaltliche Fehler prüfen. Weiterlesen